Investigativer Journalismus nimmt die Intransparenz bei Arzneimittelpreisen unter die Lupe
Die internationale Recherche Cancer Calculus hat die Preise von Krebsmedikamenten und die sie umgebende Geheimhaltung erneut unter öffentliche Beobachtung gestellt. Die einjährige Untersuchung unter Leitung des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) befasste sich mit Keytruda, einer Immuntherapie mit dem Wirkstoff Pembrolizumab. Keytruda hat die Behandlung vieler Patientinnen und Patienten verändert. Sein Preis und seine Marktstellung verdeutlichen jedoch auch das Spannungsfeld zwischen der Honorierung von Innovation, dem Zugang zur Versorgung und der langfristigen Finanzierbarkeit gemeinschaftlich getragener Gesundheitssysteme.
Eine weltweite Recherche zu einem einzigen Arzneimittel
Cancer Calculus vereinte 124 Journalistinnen und Journalisten aus 48 Redaktionen. Sie stellten in 27 Ländern mehr als 1.000 Anträge auf Zugang zu öffentlichen Dokumenten und werteten Preisinformationen, Patentregister, Gerichtsakten sowie Gespräche mit Erkrankten, Ärztinnen und Ärzten, Behörden und Arzneimittelfachleuten aus. Die Recherche beschreibt große Preisunterschiede zwischen Ländern, während die von Gesundheitssystemen tatsächlich gezahlten Beträge häufig hinter vertraulichen Rabatten und Erstattungsvereinbarungen verborgen bleiben.
Nach Angaben des ICIJ umfasst das Patentportfolio rund um Keytruda außerdem mehr als 1.200 Anmeldungen in 53 Ländern, Regionen und Territorien. Nachfolgepatente könnten die Marktexklusivität über das Auslaufen der ursprünglichen Patente hinaus verlängern. Untersucht wurden auch Dosierungspraktiken, Lobbyarbeit sowie die Folgen hoher Preise für öffentliche Haushalte und einzelne Patientinnen und Patienten. Der Hersteller Merck verteidigte gegenüber dem ICIJ seine Preisgestaltung und erklärte, sie solle den Wert des Arzneimittels für Patienten, Kostenträger und Gesellschaft widerspiegeln. Diese Sichtweise gehört zur Debatte, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit überprüfbarer Daten und öffentlicher Rechenschaft.
Warum Transparenz für Patienten und Kostenträger entscheidend ist
Vertrauliche Rabatte können für einzelne Käufer wie ein besseres Angebot wirken. Flächendeckende Geheimhaltung zersplittert jedoch den Markt. Eine Behörde, die einen Preis verhandelt, weiß möglicherweise nicht, was vergleichbare Länder oder Einrichtungen zahlen. Dies schwächt öffentliche Beschaffer und nicht gewinnorientierte Kostenträger beim Vergleich von Angeboten, bei der Erkennung unbegründeter Unterschiede und bei Verhandlungen auf Augenhöhe. Auch die demokratische Kontrolle öffentlich oder gemeinschaftlich finanzierter Ausgaben wird erschwert.
Die österreichische Berichterstattung liefert ein besonders deutliches Beispiel. Journalistinnen und Journalisten nannten einen Listenpreis von rund 6.800 Euro für eine Standarddosis von 200 Milligramm Keytruda vor vertraulichen Rabatten. Eine Berechnung nach dem Fair-Pricing-Ansatz von AIM ergab einen Preis von ungefähr 80 Euro je Dosis. Diese Zahlen sind nicht unmittelbar mit jeder vertraulichen Transaktion vergleichbar und bedeuten nicht, dass die Kosten in jedem Umfeld identisch sind. Sie zeigen aber die Größenordnung der Fragen, wenn Preise nicht anhand transparenter Annahmen erklärt werden können.
Zugangsprobleme verursachen außerdem Risiken, die über eine verzögerte oder verweigerte Behandlung hinausgehen. Medienpartner des ICIJ dokumentierten Fälschungsmärkte und unsichere Bezugswege in Ländern, in denen sich Patientinnen und Patienten zugelassene Produkte nicht leisten konnten. Faire und transparente Preise betreffen daher nicht nur Budgets, sondern auch Patientensicherheit und Vertrauen in rechtmäßige Lieferketten. Werden lebenswichtige Behandlungen unbezahlbar, können besonders gefährdete Menschen zu riskanten Alternativen gedrängt werden.
Ein praktischer Ansatz für faire Preise
Das Fair-Pricing-Modell von AIM beruht auf einem einfachen Grundsatz: Der Preis eines Arzneimittels soll tatsächliche Forschungs-, Entwicklungs- und Herstellungskosten anerkennen, einen angemessenen Gewinn ermöglichen und den zusätzlichen therapeutischen Nutzen berücksichtigen. Gleichzeitig muss er für Patientinnen, Patienten und Gesundheitssysteme bezahlbar bleiben. Der Fair-Pricing-Rechner macht die zugrunde liegenden Annahmen sichtbar. Er ist ein Instrument für Verhandlungen und Politikgestaltung, kein Ersatz für die Nutzenbewertung oder nationale Erstattungsentscheidungen.
Eine aktuelle begutachtete Studie wandte das AIM-Modell auf zehn patentgeschützte Arzneimittel in sechs europäischen Ländern an. Sie stellte erhebliche Abweichungen zwischen beobachteten Ausgaben und modellierten fairen Preisen fest. Nach der Schätzung könnte eine breitere Anwendung fairer Preise der Europäischen Union jährlich bis zu 27 Milliarden Euro ersparen. Die Ergebnisse stärken die Forderung nach einer systematischen Preisprüfung, besonders wenn Arzneimittel von öffentlich finanzierter Forschung, regulatorischen Anreizen, langen Exklusivitätszeiten oder geringem Wettbewerb profitieren.
Von der Recherche zum politischen Handeln
Investigativer Journalismus setzt keine Arzneimittelpreise fest. Er kann jedoch komplexe Systeme verständlich machen und Informationslücken offenlegen, die Rechenschaft verhindern. Damit ergänzt er die Arbeit von Forschenden, Patientenorganisationen, Gesundheitsberufen und Kostenträgern. Die Cancer-Calculus-Berichte haben in mehreren Ländern bereits politische und juristische Reaktionen ausgelöst. Dies zeigt, dass Transparenz keine abstrakte Frage ist: Sie beeinflusst Haushalte, Therapieentscheidungen und das Vertrauen in Gesundheitspolitik.
AIM wird sich weiterhin für eine stärkere öffentliche Verhandlungskompetenz, früheren und wirksameren Wettbewerb, eine angemessene Prüfung von Patentstrategien und verlässliche Informationen über Preise und öffentliche Investitionen einsetzen. Innovation und Zugang sollten einander stärken. Patientinnen und Patienten profitieren von einem raschen Zugang zu wirksamen Arzneimitteln, sind aber ebenso auf Systeme angewiesen, die Prävention, Personal, Primärversorgung und künftige Therapien finanzieren können. Faire Preisgestaltung ist daher eine Voraussetzung für Solidarität und einen nachhaltigen Zugang zur Versorgung.